Die Hollandgänger

Die Reformen des Freiherrn vom Stein Anfang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts brachten das bäuerliche Gemeinwesen, besonders in der hiesigen Gegend, aus den Fugen.
Zudem hatten die sechs Jahre der Fremdherrschaft der Franzosen sowie zehn Jahre Krieg mit Einquartierung und Plünderung zur Folge, daß sich der katastrophale Zustand Anfang des 19. Jahrhunderts verstärkte. Außerdem bewirkte die Kontinentalsperre, daß das gefertigte Leinen nicht mehr abgesetzt werden konnte.
Das Jahr 1816 brachte eine arge Mißernte. Nachdem das Vieh weitgehend der Futterknappheit zum Opfer gefallen war, erreichte die Hungersnot, die durch die Einfuhr von Korn aus den altpreußischen Provinzen im Osten und durch das Öffnen der Depots und staatlichen Domänen gelindert werden sollte, im Jahre 1817 ihren Höhepunkt. Bei den Gemeinschaftsteilungen ab 1821 gingen die Heuerlinge und Neubauern, deren Höfe gerade entstanden waren, leer aus. Sie verloren auch ihre bisherigen Rechte auf Brennholz und Viehweide.

Hollandgänger und Kiepenkerlbei der Hundertjahrfeier 1949
Hollandgänger und Kiepenkerl
bei der Hundertjahrfeier 1949

Die Jahre 1843 bis 1850 zeichneten sich zudem durch eine weitere Verelendung der Heuerlings- und Neubauernfamilien im Amt Rahden durch Unwetter, Mißernten und fallende Leinenpreise aus.
Aus dieser bitteren Not entwickelte sich die Hollandgängerei. Die Menschen waren notgedrungen auf einen Nebenverdienst angewiesen. Industrie und andere Verdienstmöglichkeiten gab es nicht.
So berichtete in einem Zeitungsartikel ein Sielhorster, Wilhelm Wagenfeld, der in seiner Jugend viele Jahre nach Holland zum Grasmähen hinauszog:
"Zu Fuß ging es zum Bahnhof nach Lemförde. Von dort aus fuhr man nach Holland. Größtenteils wurde das Gras in Akkordarbeit gemäht. Pro Morgen gemähte Wiese gab es 3 Mark. Fünf bis sieben Wochen ging es ununterbrochen Tag für Tag fort. Um 3 Uhr, sobald der Morgen graute, begannen die Männer mit ihrer Arbeit, die erst eingestellt wurde, wenn die Sonne am Horizont unterging. Nur kurze Rastpausen wurden eingelegt. Die Männer beköstigten sich selbst. Oft war man mit mehreren Schnittern zusammen. Im gleichen Schnitt rauschten die Sensen durch das hohe Gras. Keiner konnte aus der Reihe fallen, jeder war eingespannt in den ständigen Rhythmus der Arbeit. Ihre Schlafstätte hatten die Männer in einem großen Heuhaufen. Wenn sie nachts die Augen aufschlugen, leuchteten die Sterne und mancher dachte dann an zu Hause. Natürlich schaffte nicht jeder Schnitter dasselbe. Es gab solche, die mähten an einem Tag zwei bis drei Morgen Wiese. Dazu kam es auf die Beschaffenheit des Grases und des Bodens an.
Die Hollandgänger brauchten nur das Gras zu mähen. Verarbeitet wurde es von den Holländern selbst. Wenn dann die Saison ausklang, die Arbeit eingestellt und den Männern das sauer verdiente Geld in die Hand gezählt wurde, ging ein Leuchten über manches wettergebräunte Gesicht. Dann schulterte man die Sense, schnürte sein Bündel und machte sich frohgestimmt auf den Heimweg. So mancher verdiente in den Wochen seiner Tätigkeit 120 bis 150 Mark, für die damalige Zeit ein gutes Stück Geld, mit dem man viele Wünsche erfüllen, oft aber auch Schulden tilgen konnte."
Aus seinen Worten über diese Zeit klingt deutlich die Not der Jahrzehnte vor der Jahrhundertwende.


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