Sielhorster Geschichten

Bericht aus der RZ 13.03.01

Wagenfeld der "Bismarcksbäcker"

"Jochens Mintken" ging als Köchin zu Bauernhochzeiten

Sielhorst (on). Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das alte Gasthaus Wagenfeld-Jochen in Sielhorst von der Bildfläche verschwunden sein wird. Seit einigen Jahren steht es leer, eine Wiederverwendung gibt es nicht mehr.
Einst herrschte hier im Gasthaus ein reges Leben und Treiben. Etliche Sielhorster Vereine wurde hier gegründet. Dicht an der Straße von Rahden nach Brockum und weiter nach Lemförde gelegen, hielten hier einst auch viele Planwagenfahrer an, die Güter beförderten. Gaststätte, Kolonialwaren und Bäckerei gehörten zu dem Betrieb.
Im Hause wurden früher noch alte Haushaltsgeräte aus Kupfer angefertigt, aufbewahrt, die einst "Jochens Mintken" bei ihrer Tätigkeit als Köchin auf den Bauernhochzeiten benötigte. Sie waren für größere Veranstaltungen gedacht.
Wilhelmine Wagenfeld, im Volksmund, wie erwähnt, "Jochens Mintken" genannt, war eine angesehene Köchin. Schon am Tage vor dem Fest zog sie mit ihren Haushaltsgeräten auf den betreffenden Hof, um die Mahlzeiten vorzubereiteten. 25 Liter faßte ein Wasserkessel, der aus Kupfer getrieben war. Hinzu kamen kleinere Schüsseln, Pfannen und Schalen, deren Alter auf über 150 Jahre geschätzt wurden.
Bei den Hochzeiten und Kindtaufen wurde die Hühnersuppe, die traditionell zu solch einem Fest gehörte, im großen Manteltopf, der sonst für die Wäsche verwendet wurde, gekocht. Die Hühner kamen im Ganzen auf den Tisch.
Bei Wagenfeld wurde früher auch noch ein großer gußeiserner Kessel aufbewahrt, in dem einst über dem offenen Herdfeuer das Essen zubereitet wurde. Auch der dazugehörende Kesselhaken war noch vorhanden. Übrigens wurden diese Gegenstände auch noch bei der 600-Jahrfeier Rahdens und der St. Johannis-Kirche im Jahre 1953 ausgestellt.
Im Hause Wagenfeld befand sich auch früher eine alte Brautschatztruhe aus dem Jahre 1513 sowie eine hölzerne Standuhr aus dem Jahre 1786. Der erste Gastwirt auf der Stätte hieß Wiegmann und war von Beruf Schneider. Schon im Jahre 1886 wurde dem Gaststätten- und Kolonialwarenbetrieb eine Bächerei angegliedert. Es wird überliefert, das der Bäcker Heinrich Wagenfeld Schwarzbrot und westf. Schinken zum Fürsten Otto von Bismarck nach Berlin schickte, der ein Freund derber Bauernkost war. Er erhielt dafür den Beinamen "Bismarcksbäcker".

"Jochen" sagt man noch heute zu der früheren Gaststätte Wagenfeld in Sielhorst, deren Räume schon seit Jahren leer stehen und die jetzt abgebrochen werden soll. Einst war sie ein beliebter Treffpunkt für jung und alt. Unser Bild zeigt eine Tischgesellschaft, die vor dem Hause Platz genommen hat, beim Umtrunk.


Hase im Pott

Es war noch in der Zeit vor dem Krieg. Ein paar Jäger gingen in Sielhorst zur Suchjagd. Einem von ihnen war den ganzen Tag kein Jagdglück beschert worden. Er mußte die Jagd auch eher abbrechen, um zu Hause das Füttern der Tiere zu erledigen Es wurmte ihn mächtig, daß er als einziger keinen Hasen zur Strecke gebracht hatte. Er wußte aber, daß bei sich zu Hause auf dem Acker ein Hase seinen Pott hatte. "Ich will auch nicht ganz ohne Beute zum Schüsseltreiben kommen", sagte er zu sich. Und richtig! Sein Hase lag wie geahnt in seinem Pott. Er legte an und schoß. "So den ha ick". Er schnallte seinen Rucksack ab und wollte den Hasen einsacken. Plötzlich sprang das Tier auf und lief eilig auf und davon. Er hatte in seinem Eifer den Hasen wohl überschossen.
Des Abends beim Schüsseltreiben bekannte er reumütig sein Vergehen. Mit einer saftigen Strafe wurde er zur Kasse gebeten.


Freundliche Helfer

"Jochens" hatten ihre Wiese neben dem Haus zum Heideweg hin. Das gemähte Gras war schon etwas angetrocknet und so hatte man es in Haufen geworfen.
Des Nachts kamen einige Lütkenloher Jungs leicht angeheitert von einer Feier bei Mönkedieck vorbei. Die Jungs (früher nannte man diese auch Völker) sahen die Haufen liegen, und da Regen angesagt worden war, beschloß man spontan zu helfen. Fleißig schmissen sie das Gras zu einem großen Haufen zusammen. Nach Beenden der Aktion waren sie sehr zufrieden und glaubten an ihr gutes Werk.
Es regnete aber nicht in dieser Nacht und am nächsten Morgen schimpfte August Wagenfeld nicht schlecht.
Es war eine Heidenarbeit, das Gras wieder in mehrere kleine Haufen zu werfen, damit es fertig trocknen konnte.


Streiche und ihre Folgen

Spreens Christian hatte ein besondere Vorliebe, die " Völker" zu Streichen anzustiften. Eines Tages betraf es ihn dann selber. Er hatte einen Ackerwagen auf der Weide über das Wochenende stehen gelassen.
Unbekannte bauten von dem Ackerwagen das linke und rechte Hinterrad ab und zogen beide Hinterräder mit einem Strick hoch in eine Eiche.
Christian mußte wohl einen Verdacht haben, wer die Übeltäter waren, denn am Sonntagmorgen ging er von Haus zu Haus zu den Jungen.
Er tat ganz niedergeschlagen und sagte zu ihnen: "Da hat mir doch jemand einen Streich gespielt und die Räder von meinem Ackerwagen in den Baum gehängt. Ihr laßt mich doch sicher nicht im Stich und helft mir, meinen Ackerwagen wieder flott zu bekommen?"
Um sich keine Blöße zu geben, sagten die "Völker" zu. Sie holten die Räder wieder aus dem Baum und montierten sie an den Wagen. Währenddessen rieb sich Christian im Stillen vergnügt die Hände.


"Sechs" auf einen Streich!

Räkers Christian (Donzelmann) hatte auch eine kleine Gärtnerei am Hause. Eines Spätnachmittags im Winter, die Sonne stand schon sehr tief, war er noch in der Gärtnerei beschäftigt. Plötzlich bemerkte er eine Anzahl Rebhühner. Es waren sechs an der Zahl. Sie saßen geduckt hintereinander in einer Schneefurche.
Eine ganze Weile beobachtete er die Tiere. Es ließ ihm keine Ruhe, so eine Gelegenheit nicht zu nutzen. Also ging er ins Haus und holte seinen alten Vorderlader. Rasch lud er ihn mit Pulver und Hagel, immer in Sorge, die Rebhühner könnten auffliegen. Vorsichtig öffnete er die obere Klappe der Seitentür und legte mit dem Vorderlader auf die Vögel an. Rums ließ er die "Schrote" fliegen.
Der Schnee stob auf. Christian stürzte aus dem Haus, um nachzuschauen, ob das Glück ihm hold gewesen war.
Großes Jagdglück! Sechs Rebhühner saßen wie die Perlen aufgereiht auf dem Ladestock. Den hatte Räkers Christian in der Eile vergessen zu entfernen.


Schwein gehabt

(Quelle: mündl. Überlieferung eines alten Sielhorsters)
Überliefert durch Zeitzeugen ist auch folgender Vorfall: Ein Sielhorster Lehrer hatte den Hausschlachter zum Schweinschlachten bestellt. Er hielt das unruhige Tier mit einem Seil fest, während der Schlachter das Bolzengerät zum Töten ansetzte. In diesem Moment erschrak das Schwein.
Der Strick riß und besagter Schulmeister fiel rücklings auf den Boden.
Die Lehrersfrau, welche gerade in der Stalltür erschien, deutete jedoch die Situation mit den Worten: "Oje, nun haben Sie meinen Mann erwischt."


" Nanu, wohin so schnell ?"

Einer der ersten Lehrer in Sielhorst besaß einen Esel, auf dem er bisweilen nach Rahden ritt. Nach dem Besuch eines Gasthauses wollte er sich auf den Heimweg machen. Kaum hatte der Reiter auf dem Esel Platz genommen, raste das Tier wie von einer Tarantel gestochen ungehemmt mit wilden Sprüngen in Richtung Sielhorst. Unterwegs kam dem erschrockenen Schulmeister der Pastor entgegen und rief ihm verwundert zu: "Nanu, wohin so schnell ?" Der Eselsreiter gab hastig zur Antwort:
"Das wissen nur der Esel und der liebe Gott."
Des Rätsels Lösung: Ein Witzbold soll dem Esel vorher einen Feuerwerkskörper unter den Schwanz gebunden haben.


Der Ladenschwengel

Wagenfelds (Jochen) hatten nach dem Kriege einen Ladenschwengel (ein junger Verkäufer oder Lehrling) namens Walter.
Eines Tages schickte ihn der alte Jochen zu Räker (Donzelmann). Er sollte eine Sau zum Eber bringen.
Walter war in der Stadt groß geworden und kannte sich mit den Gepflogenheiten auf dem Lande nicht aus.
Räkers Christian fragte ihn mit einem Augenzwinkern: "Was hat Jochens August denn gesagt? Wie viele Ferkel sollst du denn mitbringen ?" Der Ladenschwengel zuckte hilflos mit den Schultern: "Das hat er mir nicht gesagt, dann muß ich noch einmal zurück." Er ließ sich ein Fahrrad geben und radelte zurück. Dort angekommen, fragte er Jochens August: "Wie viele Ferkel sollte ich mitbringen?" Räkers Christian hat mir erzählt, daß jedesmal, wenn der Eber das linke Auge schließt, ein Ferkel fertig ist."
Jochens August mußte schallend lachen: "Junge da hat dir Räkers Christian einen aufgebunden".
"Das werde ich ihm heimzahlen," schwor Walter bei sich. Er machte sich wiederum auf den Weg zu Räkers. Er mußte an der Gastwirtschaft Mönkedieck vorbei. In diesem Moment hatte er eine Idee.
Bei Räkers angekommen, setzte er eine wichtige Miene auf, lief schnurstracks zu Räkers Christian, um ihm eine "eilige Mitteilung" zu machen. "Ich bin gerade bei Mönkediecks vorbeigekommen; die riefen mich herbei. Euer Gustav hat angerufen (Räkers Gustav war zu dieser Zeit auf dem Fliegerhorst in Diepholz), ihr sollt schnell ans Telefon kommen."
In der damaligen Zeit hatten die wenigsten Leute ein Telefon.
Eiligst sprang Christian aufs Rad und spurtete zu Mönkedieck.
Kurze Zeit darauf kam er völlig aus der Puste zurück und schimpfte: "Du verdammter Junge , da hast du mich ja auch ganz schön ins Bockshorn gejagt."


Das gestohlene Geschäft

An einem Sonntagnachmittag trafen sich die Völker (Jungs) bei Wilhelm. Dieser war noch an der Runkelmiete beschäftigt und so flachsten sie ein wenig hin und her.
Plötzlich überkam Wilhelm ein menschliches Bedürfnis und mit den Worten "Ich muß aus den Buchsen" verschwand er schnell hinter dem Kiebitzhagen (eine etwas lückenhafte Brombeerhecke), um sein Geschäft zu verrichten. Einer der Jungs schnappte sich die abgelegte Pannschippen und rannte auf die andere Seite der Hecke. Leise schob er die Schippe durch die Hecke. Wilhelm saß bedächtig in der Hocke und rupfte mit beiden Händen fleißig Gras, um sich damit abzuwischen. Inzwischen war der eifrige Schippenträger mit dem "Corpus delicti" auf und davon.
Als Wilhelm aufstand und sich umdrehte, war er sichtlich erstaunt, keinen Erfolg seiner Bemühungen vorzufinden.
Alle hatten hinterher sehr viel Spaß um das "gestohlene Geschäft".


Wie kommt ein Bataillon auf den Silohaufen?

Zugetragen hat sich diese Geschichte an einem Freitag im August 1983.
Ort des Geschehens war der Hof von Heinrich Petring, ehemals Sielhorst 23. Besagter Heinrich Petring war zu dieser Zeit Schützenkönig.
Außerdem hatte er es zur Würde eines Kreiskönigs gebracht.
Es war natürlich die Pflicht des Sielhorster Schützenbataillons, seine Majestäten von der "Residenz" abzuholen.
So etwas kann natürlich nicht ohne einige Späße vonstatten gehen.
Einen eben dieser Späße erlaubte sich Adolf Baumbach, seines Zeichens Feldwebel im Bataillon. Er hatte sich eine Trillerpfeife besorgt, diese gilt auch heute noch als Autoritätsmerkmal des "Spießes".
Als also das Bataillon sich auf dem Hofe beim Umtrunk vergnügte, blies er in die besagte Pfeife und befahl: "Zweite Kompanie angetreten!". Ein guter Teil der Schützen folgte der Aufforderung und trat vor den Stallgebäuden an.
Es ist aber ja bekannt, daß Sielhorst lediglich nur e i n e Kompanie in seinem Schützenbataillon hat.
Nun befahl der selbsternannte Spieß der Zweiten Kompanie ein "Stillgestanden!" und schritt die Front ab.
Daß diese Amtsanmaßung nicht ohne Folgen bleiben konnte, wird ein jeder verstehen. Major August Spreen und sein Hauptmann Horst Spreen ließen die neue "Zweite Kompanie" zum Strafappell antreten.
Der Drahtzieher selbst wurde zu einer empfindlichen Geldstrafe "verurteilt".
Die "Zweite Kompanie" aber mußte kreuz und quer durch den morastigen Silohaufen marschieren. Ewald Henke, der mit Gummistiefeln angetreten war, wurde von König Heinrich Petring noch gesondert bestraft. Damit der Späße nicht genug! So versuchte sich "Ehrenmajor" Hermann Warner beim Ritt auf einer Sau.


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