Entwicklung der Gemeinde Sielhorst

Zur Entstehung der politisch selbständigen Gemeinde Sielhorst vor 150 Jahren wird in der Rahdener Chronik zum Jahre 1849 unter dem Abschnitt "Communale Veränderungen" folgendes berichtet:
Zu Anfang des Jahres erfolgte die Trennung der bisher eine Gemeinde bildenden Ortschaften Varl und Sielhorst in zwei besondere Gemeinden, von denen jede durch 6 Gemeindeverordnete vertreten wurde. Der bisherige Hilfsvorsteher Warner Nr. 6 zu Sielhorst wurde zum Gemeindevorsteher von Sielhorst ernannt.
Durch diese kommunale Veränderung hatte Sielhorst seine politische Selbständigkeit erlangt. Obwohl die Ortschaften Varl und Sielhorst bis Ende 1848 eine Gemeinde bildeten, führten sie jedoch bereits seit 1834 getrennte Konten für die Gemeinderechnungen.
Die allgemeinen Verhältnisse in der neuen Gemeinde Sielhorst waren seinerzeit sicher nur sehr bescheiden gewesen. Wie der Name Sielhorst schon sagt, befand sich hier eine sehr feuchte Gegend mit kleinen Wasserläufen (Siel) und kleinen Waldungen oder Gestrüpp (Horst). Bis auf die höher gelegenen Ackerflächen, wie das Lütkenloher Feld, konnte wegen der Feuchtigkeit im übrigen Gemeindegebiet keine ertragreiche Landwirtschaft betrieben werden.

Beurkundete Aufteilung der Sielhorster und Lütkenloher Gemeinheiten Heidematt und Schullenmoor. Für die Schule unterzeichnete 1836 der Lehrer Schwettmann.

Auch mit der straßenmäßigen Erschließung war es damals sehr dürftig. Die Gemeindewege waren kaum befestigt. Da in Sielhorst seinerzeit noch viel in den Aufgabenbereich investiert werden mußte, den man heute als Infrastruktur bezeichnet, haben es die Varler aus finanziellen Gesichtspunkten begrüßt, daß die Ortschaft Sielhorst selbständige Gemeinde wurde. Die Schulverhältnisse in Sielhorst waren bis zum Jahre 1840 sehr primitiv: Sielhorst hatte keine Schule im eigentlichen Sinne sondern nur eine sogenannte Knippschule (Nebenschule), die sich im "Blanken Spieker" (Speicher der Familie Blanke, heute: Schmidt) befand. Hier unterrichtete der Landwirt Schwettmann - ein aufgeweckter Mann - die Sielhorster Kinder. In den letzten 2 Schuljahren mußten die Sielhorster Schüler zur "ordnungsgemäßen" Schule nach Varl.
Zu den ersten Baumaßnahmen, über die die neue Sielhorster Gemeindevertretung zu beschließen hatte, gehörte im Jahre 1849 der Neubau eines Schulgebäudes. Hierzu erwarb die Gemeinde das Anwesen des Landwirts Schwettmann und errichtete neben dem vorhandenen Gebäude ein kleines einklassiges Schulhaus. Der Sohn der Landwirts Schwettmann wurde der erste staatlich bestellte Lehrer in Sielhorst.
Das Schulwesen, die Entwässerung, die Befestigung wichtiger Straßen und der Bau von Brücken waren neben den laufenden Angelegenheiten die wesentlichen öffentlichen Aufgaben der damaligen Gemeinde Sielhorst. Das Problem der unzureichenden Entwässerung und der dadurch verursachten alljährlichen großen Überschwemmungen konnte man jedoch nur auf überörtlicher Ebene lösen. Daher wurde um das Jahr 1850 im Amt Rahden eine Wassersozietät gebildet. Diese kanalisierte und regulierte im Norden des Kreises Lübbecke die Kleine Aue - bei Frotheim beginnend, die Große Aue - bei der Ellerburg in Fiestel beginnend und den Großen Dieckfluß - vom Leverner Bruch aus. Für Sielhorst war die Tätigkeit der Wassersozietät sehr segensreich; so durchfloß doch zuvor der Große Dieckfluß in vielen Krümmungen das Gemeindegebiet und verwandelte insbesondere im Frühjahr das umliegende Land in große Seen.

Überschwemmung in Sielhorst

Über die Zeit des deutsch-französischen Krieges (1870/71) berichtet die Chronik folgendes:
1870: 497 Mann eingezogen (im Bereich des Standortes Minden); gefallen Wilhelm Möller, Sielhorst b.6. 1871: Sielhorst hat 886 Einwohner; Lehrer Pohlmann kommt nach Sielhorst, am 25. August Friedensfest in Sielhorst. In Rahden wird das Amtshaus gebaut. Am 22.09.1876 wird in Sielhorst das Kriegerdenkmal enthüllt.
Nach den Kriegsjahren trat, wie überall im Deutschen Reich, auch in Sielhorst ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. 1875 wurde in Deutschland die Reichsmarkwährung eingeführt. Es stiegen aber auch die Anforderungen an die Gemeinde: U.a. war das kleine Schulgebäude - auch wegen der steigenden Schülerzahl - nicht mehr ausreichend. So mußte aufgrund einer Aufforderung durch die Regierung im Jahre l880 eine neue Schule mit 2 Klassenzimmern und einer Lehrerwohnung gebaut werden.
Als große Straßenbaumaßnahme für die damalige Zeit wurde im Jahre 1876 die Kreisstraße von Sielhorst nach Brockum (heute Landstraße 765) fertiggestellt. In den Jahren 1883 bis 1888 wurde abschnittsweise die "Tielger Chaussee" (heute Wagenfelder Straße) durch die Gemeinde Sielhorst gebaut.
Als eine beispielhafte Gemeinschaftsleistung der Sielhorster Bürger wurde im Jahre 1882 die Sielhorster Windmühle gebaut. Erster Müller war der Müller Johannes. Leider ist dieses Sielhorster Wahrzeichen heute nicht mehr vorhanden. Nachdem sie als Windmühle schon lange nicht mehr gedient hatte, fiel sie am 3. Januar 1976 einem Sturm zum Opfer und wurde völlig zerstört. Die Mühle war nach dem Müller Johannes von der Familie Möller erworben worden.
Als nicht politische, aber doch weittragende Entscheidung, gründete im Jahre 1896 der Neubauer Christian Rehling Nr. 51 zusammen mit den Bauern Christian Fangmann und Christian Grote den Verein zur gemeinschaftlichen Tragung von Brandschäden in Sielhorst. Die Gründung dieser eigenständigen Feuerversicherung - auch Sielhorster Brandkasse genannt - erfolgte damals allen Widerständen übergeordneter Stellen (wie der Kreisverwaltung) zum Trotz.

Die Mühle in den zwanziger Jahren
Die Mühle in den zwanziger Jahren
Zeitungsanzeige der Sielhorster Brandkasse um die Jahrhunderwende
Zeitungsanzeige der Sielhorster Brandkasse um die Jahrhunderwende

Im Jahre 1900 wurde von der Gemeinde Sielhorst das Spritzenhaus gebaut, nachdem Sielhorst eine Feuerspritze erhalten hatte. Die Bedeutung einer eigenen Feuerspritze in Sielhorst - sowie auch der Brandkasse - war für die damalige Zeit nicht zu unterschätzen, berichtet doch die Chronik des Kirchspiels Rahden von zahlreichen Bränden im hiesigen Raum. Schließlich waren die Häuser seinerzeit auch kaum massiv gebaut und größtenteils noch mit Stroh gedeckt.
In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg stieg der allgemeine Lebensstandard und auch Sielhorst entwickelte sich fort. Das im Jahre 1858 gestartete Entwässerungsprogramm wurde mit dem Bau letzten Entwässerungsgräben im Jahre 1914 vorläufig abgeschlossen.
Die Zeit des ersten Weltkrieges hinterließ auch in Sielhorst ihre Wunden. Die Kriegsgefallenen sind am Ehrenmal sowie auf einer Gedenktafel in der heutigen Friedhofskapelle aufgeführt. Wirtschaftlich brachte die Zeit nach dem ersten Weltkrieg mit der Währungsreform auch für Sielhorst einen schweren Rückschlag.
Daß die deutsche Industrie damals am Boden lag, war auch hier zu spüren - Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen waren im Rahdener Raum (abgesehen von der Landwirtschaft) kaum zu bekommen. Dennoch kamen die für die Gemeinde geplanten bzw. begonnenen Maßnahmen weiter zur Ausführung: Das Entwässerungsprojekt wurde 1926 endgültig zum Abschluß gebracht und bereits 1922 erfolgte die Einweihung des auf einem Gemeindegrundstück neu angelegten Friedhofes. Dies war für die Sielhorster Bürger eine große Erleichterung, hatten sie doch nicht mehr den langen Weg zum Rahdener Friedhof.
In den Jahren 1928 bis 1930 erfolgten in Sielhorst wieder größere Straßenbaumaßnahmen:
Es wurden die Gemeindeverbindungsstraßen von der heutigen Lemförder Straße durch den Ortsteil Lampenort bis zur Kleinendorfer Grenze (Westerlage) sowie westlich der Lemförder Straße die Verbindungsstraße nach Varl durch den Ortsteil Lütkenloh erstellt. Für diese Baumaßnahmen mußte die Gemeinde seinerzeit ein Darlehen über 5.000 Mark von der Landesbank Westfalen aufnehmen. Zur weiteren Finanzierung wurden Zuschüsse vom Provinzialverband Westfalen und dem Kreis Lübbecke gewährt.
Im Jahre 1929 erfolgte in Sielhorst die Erweiterung der Schule von bisher zwei auf drei Klassen. Die Kosten beliefen sich auf rund 10.000,- Mark. Die Regierung beteiligte sich an diesen Kosten mit 6.540,- Mark.


Schule mit altem Glockenturm im Jahre 1914

Sielhorster Schule

In den 20er und 30er Jahren wurde in Sielhorst die Stromversorgung durch die Nike ausgebaut. Hierzu wurde in der Sitzung der Gemeindevertretung am 18.06.1932 ein Gemeindezusatzvertrag mit der Nike abgeschlossen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse stagnierten in dieser Zeit nach der Weltwirtschaftskrise auch in Sielhorst.
Das Dritte Reich brachte nach 1933 zunächst Aufschwung - insbesondere Arbeit für die vielen Arbeitslosen. Viele junge Leute hatten vorübergehend durch den Reichsarbeitsdienst Beschäftigung. Später folgte dann für die meisten die Wehrmacht.
Bis zum Jahr 1937 wurden in Sielhorst noch einige Straßen ausgebaut: Und zwar der Gemeindeweg über die Haort von Rosenbohm 121 bis zur Oppenweher Grenze und der Weg von Winkelmann bis zum Langendamm (heute die Straße "Neustadt").
Die politischen Verhältnisse im Dritten Reich - "Führerprinzip" - wirkten sich damals immer gravierender auch auf die Gemeindepolitik aus. Grundlage für die Gemeindeverfassung wurde die Deutsche Gemeindeordnung aus dem Jahre 1935. Diese brachte u.a. für den Vorsteher und die Gemeindevertreter neue Bezeichnungen: Der Vorsteher nannte sich ab 1935 Bürgermeister und die Gemeindevertreter (zeitweise auch Gemeindeverordnete genannt) waren nunmehr Gemeinderäte. Als zusätzliche ehrenamtliche Personen standen dem Bürgermeister 2 Beigeordnete zur Seite. Die hauptamtliche Führungsperson des Amtes Rahden, die bis dahin als einzige den Titel Bürgermeister führte, hieß jetzt Amtsbürgermeister.
Aus den Protokollen über die Sitzungen der Gemeinderäte wird seit dem Jahre 1938 deutlich, daß die politisch selbständigen Entscheidungsmöglichkeiten der Gemeinden durch das Führerprinzip mehr und mehr eingeschränkt wurden, denn gemeindliche Vorhaben standen zuletzt gar nicht mehr zur Debatte. In den Jahren 1941 bis 1944 fand auch nur noch jeweils eine Sitzung der Gemeinderäte statt, in der im wesentlichen nur die Haushaltssatzung und die Haushaltsrechnung zur Kenntnis genommen wurden.
Die Zeit des 2. Weltkrieges und die ersten Nachkriegsjahre brachten die dunkelsten Wolken am Himmel der 150-jährigen Geschichte von Sielhorst. Die vielen Gefallenen und Vermißten und sonst durch Hitlers Gewaltherrschaft Umgekommenen hinterließen auch in Sielhorst und im Amt Rahden große Lücken. Am Sielhorster Ehrenmal wird ihrer alljährlich am Volkstrauertag gedacht.
Das eigentliche politische Leben in der Gemeinde Sielhorst begann erst wieder Anfang 1946. In den zahlreichen Sitzungen der Gemeindevertretung kam zum Ausdruck, wie vielfältig die gemeindlichen Aufgaben - bedingt auch durch die wirtschaftlich äußerst schweren Nachkriegsjahre - waren. So wurde z.B. in der Sitzung der Vertretung am 6.3.1946 eine Kommission ernannt, die für den Holzeinschlag und die Versorgung - insbesondere der Flüchtlinge - mit Brennholz zuständig war. Ferner wurden in dieser Sitzung für jeden Zählbezirk der Gemeinde sogenannte Hofprüfer ernannt, die die ablieferungspflichtigen Bestände an Brotgetreide ermitteln sollten.
Eine gemeindliche Aufgabe war seinerzeit auch die Kartoffelkäferbekämpfung. Am 22.5.46 beschloß die Gemeindevertretung die Anschaffung von 2 fahrbaren Spritzen und bestellte Gustav Donzelmann Nr. 131 und Hermann Strümpler Nr. 127 als Spritzenwarte.
Die Bildung der folgenden gemeindlichen Ausschüsse gibt auch Hinweis auf die damaligen Nöte in Sielhorst: Flüchtlingsausschuß, Wohnungsausschuß, Siedlungsausschuß, Verteilungsausschüsse (für Ostflüchtlinge sowie für Einheimische und Evakuierte).
Nach den Schreckensjahren entwickelte sich langsam wieder das gesellschaftliche Leben in Sielhorst. So beschloß die Gemeindevertretung am 18.4.1947 die Festsetzung folgender Tanzlustbarkeiten:
Jeweils 2 Feste im Jahr für den Sportverein und den Radfahrerverein. Ferner wurde im Jahre 1948 dem Gastwirt Wagenfeld für jeden Sonntag eine Tanzerlaubnis in der Zeit von 17.00 bis 23.00 Uhr erteilt.
Nach der Währungsreform im Jahre 1949 und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland begannen in unserem Land die Aufbaujahre und das Wirtschaftswunder setzte langsam ein. Auch die Gemeindevertretung von Sielhorst befaßte sich wieder mit größeren Investitionen, insbesondere dem Ausbau von Gemeindewegen und Wirtschaftswegen. Letzteres war auch besonders im Hinblick auf die beginnende Technisierung der Landwirtschaft erforderlich. Der Ausbau dieser Gemeindestraßen war für die Anlieger jedoch auch mit der Zahlung von Anliegerbeiträgen verbunden. Ferner bestand in Sielhorst noch bis etwa Ende der 50er Jahre für die Grundstückseigentümer die Verpflichtung zum Hand- und Spanndienst. Aus dem Protokoll über die Sitzung der Gemeindevertretung vom 12.05.1955 ist zu entnehmen, daß je 3,- DM Steuermeßbetrag ein Handdiensttag (im Jahr) zu leisten war. Ein Spanndiensttag zählte für 3 Handdiensttage. Spanndiensttag bedeutete, ein Fuhrwerk einen Tag zur Verfügung zu stellen.
Neben dem Wegebau war das Schulwesen nach wie vor eine wesentliche Aufgabe für die Gemeindepolitiker. So war auch jährlich über eine Beteiligung an den Kosten der Realschule in Rahden zu beschließen. Hinsichtlich des Sielhorster Schulgebäudes wurden im Jahre 1957 wieder Überlegungen für einen Neubau bzw. eine Erweiterung angestellt. Es zeigte sich, daß auf Dauer wegen der beengten Verhältnisse kein ordnungsgemäßer Unterricht mehr durchgeführt werden konnte. Nach Abschluß der Planungen wurde am 2.10.1958 der endgültige Beschluß für einen Neu- bzw. Erweiterungsbau der Sielhorster Schule gefaßt.
Der Schulneubau wurde im Jahre 1960 fertiggestellt und erforderte Gesamtausgaben in Höhe von rd. 302.000 DM. Diese Mittel wurden wie folgt aufgebracht:
Zuschuß des Landes 200.000 DM, Kreisschulbaurücklage 20.000 DM, Zuschuß der Gemeinde Kleinendorf 3.000 DM, Haushaltsmittel der Gemeinde Sielhorst 25.000 DM, Darlehen der Amtssparkasse 39.000 DM, Erlös aus dem Verkauf von Gemeindegrundstücken 15.000 DM.
Das für den Schulbau aufgenommene Darlehen konnte die Gemeinde bereits im Jahre 1962 restlos tilgen, da der Gemeindehaushalt durch das anlaufende Flurbereinigungsverfahren Sielhorst im Bereich des Wirtschaftsswegebaues wesentlich entlastet wurde.
Ab 1962/1963 erfolgten die gemeindlichen Straßenbaumaßnahmen nur noch in Abstimmung mit dem Amt für Flurbereinigung und Siedlung in Minden (heute Amt für Agrarordnung). Die Ausbaukosten hatte die Gemeinde bei den sogenannten Gemeindeverbindungsstraßen (z.B. "Langendamm", "Lütkenloh") zu tragen, während bei den kleineren Gemeindestraßen - den Wirtschaftswegen - die Teilnehmergemeinschaft der Flurbereinigung die Kosten trug.

Straßenbau in Sielhorst. Kuriosität am Rande
Straßenbau in Sielhorst. Kuriosität am Rande

Umbau der Sielhorster Schule im Jahre 1959

Auch die seinerzeit von der Gemeinde beabsichtigte Bauleitplanung (Flächennutzungsplan, Bebauungsplan) erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Flurbereinigung und Siedlung. Ziel der Bauleitplanung war damals die Ausweisung eines Baugebietes im Gemeindezentrum, um bauwilligen Sielhorster Bürgern weiterhin die Möglichkeit zu geben, in Sielhorst wohnen zu bleiben. Im übrigen ergab sich die Verpflichtung zur Festsetzung von Wohnbauland für die Gemeinde auch deshalb, weil es nach dem Baurecht nicht mehr möglich war, an irgendwelchen Stellen innerhalb der Gemeinde, wo sich ein Bauplatz anbot, ein Wohngebäude zu errichten.
Nach Abschluß der Vorplanungen für das Baugebiet (hierzu gehörte auch ein Kanalisationsplan) und der Grundstücksverhandlungen beschloß die Sielhorster Gemeindevertretung in ihrer Sitzung am 9.2.1967 den Bebauungsplan "Im Springel" aufzustellen. Ende des Jahres wurden dann die ersten Bauplätze in dem neuen Siedlungsgebiet von der Gemeinde verkauft und mit dem Bau der ersten Häuser begonnen. Diese erstmalige Ausweisung von Wohnbaugrundstücken (insgesamt 16 Bauplätze) war damals ein wichtiger Schritt für die Gemeinde Sielhorst; hatten die Nachbargemeinden zum Teil doch schon erheblich mehr Wohnbauflächen ausgewiesen. Nur so konnte die Gemeinde ihre Einwohnerzahl von knapp über 800 halten.
Für die Neubauten in der Gemeinde sowie aber auch die meisten Einwohner von Sielhorst war damals eine öffentliche Einrichtung unbedingt erforderlich bzw. wünschenswert: Die zentrale Wasserversorgung. Das eigene Brunnenwasser der Sielhorster war wegen seines zum Teil starken Eisengehaltes für den Haushalt vielfach kaum zu gebrauchen. Im übrigen gab es in trockenen Jahren auch öfters Wasserknappheit. Eine öffentliche Wasserversorgung konnte jedoch nur zusammen mit den übrigen Gemeinden des Amtes Rahden geschaffen werden. Daher trat die Gemeinde Sielhorst bereits am 12.10.1965 dem Wasserbeschaffungsverband des Amtes Rahden bei. Durch diesen neuen Verband wurde in den Folgejahren das Wasserwerk in Wehe gegründet und abschnittsweise auch das Gebiet der Gemeinde Sielhorst an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.
Die Neuordnung des Schulwesens im Lande Nordrhein-Westfalen im Jahre 1968 brachte auch für die Sielhorster Schule einschneidende Veränderungen: Die bisherige Volksschule wurde bis auf die Jahrgänge l bis 4 (nunmehr Grundschule) abgebaut. Diese neue Grundschule wurde mit der Grundschule Varl vereinigt. Einige Klassen der neuen Grundschule Varl wurden aber weiterhin in der Sielhorster Schule unterrichtet. Als Folge der Neuordnung des Schulwesens hatte die Gemeinde Sielhorst das Schulgebäude nebst Schulgrundstück unentgeltlich an das Amt Rahden zu übertragen.
In der Sitzung der Gemeindevertretung von Sielhorst am 1.6.1970 wurde ein Beschluß über die letzte große eigenständige Investitionsmaßnahme der Gemeinde Sielhorst gefaßt und zwar den Bau der Friedhofskapelle. Mit der Bauplanung wurde der Architekt Kükelhan, Oppendorf, beauftragt. Die Gesamtkosten für dieses Objekt betrugen rund 200.000 DM und wurden von der Gemeinde Sielhorst aus eigenen Mitteln getragen. Am 22. November 1971 erfolgte die Einweihung der neuen Friedhofskapelle. Mit dieser gemeindlichen Einrichtung gehörten von jetzt ab auch in Sielhorst Beerdigungen aus den Häusern und Trauerzüge der Vergangenheit an. Die Kapelle bereichert aber durch die hier regelmäßig stattfindenden Gottesdienste auch das kirchliche Leben für die Einwohner der Gemeinde Sielhorst und aktiviert das Zusammenwirken von Kirche und politischer Gemeinde.
Im Jahre 1971 wurde die Sielhorster Gemeindevertretung erstmals konkret mit der zum 1.1.1973 anstehenden kommunalen Gebietsreform konfrontiert. Es wurde seinerzeit aufgrund des sogenannten Bielefeldgesetzes (Rechtsgrundlage für die kommunale Neugliederung im hiesigen Raum) zwischen den 7 Gemeinden des Amtes Rahden und dem Amt ein Gebietsänderungsvertrag abgeschlossen. Dieser Vertrag beinhaltete die Bildung der neuen Großgemeinde Stadt Rahden aus den bisherigen 7 selbständigen Gemeinden und die Auflösung des Amtes Rahden.
Im letzten Jahr ihrer politischen Selbständigkeit wurden in der Gemeinde Sielhorst noch einzelne Gemeindewege ausgebaut und die Nike mit der Anlage der Straßenbeleuchtung im Ortskern beauftragt. In ihrer letzten Sitzung am 22.12.1972 beschloß die Gemeindevertretung noch eine Baumaßnahme, die das Objekt Friedhofskapelle vollendete und zwar die Errichtung eines Glockenturmes. Das Geläut der Glocken von diesem neuen Turm ertönte aber erst nach dessen Fertigstellung am Totensonntag 1975.

Kapelle Sielhorst - Richtfest
Kapelle Sielhorst - Richtfest
Blick auf die Kapelle
Blick auf die Kapelle

Die Gemeinde Sielhorst war nun seit fast drei Jahren schon Ortschaft der jungen Stadt Rahden. Auch im neuen, größeren Gemeinwesen entwickelte sich - zum Teil aufgrund privater Initiative die Infrastruktur innerhalb der Ortschaft Sielhorst. Im Jahre 1974/75 errichteten der Landwirt Hermann Warner und sein Schwiegersohn Wilhelm Bunge zusammen mit dem Reiterverein Varl-Rahden eine 20 x 45 m große Reithalle. Damit erhielt Sielhorst in diesem Bereich eine attraktive Sportstätte, die insbesondere auch den jugendlichen Reiternachwuchs und Voltigiersport förderte. Ein allgemeiner Sportplatz, für den seinerzeit im Flurbereinigungsverfahren ein Grundstück ausgewiesen worden war, kam in Sielhorst wegen fehlender Schule und fehlendem Sportverein nicht mehr zur Ausführung. Allerdings steht den Kindern der ehemalige Schulhof als Spiel- und Bolzplatz zur Verfügung. Erfreulich ist auch, daß der Schützenverein in der ehemaligen Schule für Sielhorst gute Schießsportanlagen geschaffen hat.
In der neuen Stadt Rahden wurden politische Entscheidungen von einem größeren Stadtrat getroffen; gegenüber der Gesamtzahl der früheren Gemeindevertreter waren jedoch weniger Bürger in der Gemeindepolitik tätig. Dies trifft besonders für die kleine Ortschaft Sielhorst zu: Von den früher 7 Gemeinderatsmitgliedern blieben nur noch l bis 2 Ratsmitglieder aus Sielhorst im Stadtrat.
Ferner mußten aufgrund der Gegebenheiten (Stärkung der zentralörtlichen Entwicklung, Ziele der Landesplanung) die Außenortschaften ihre örtlichen Wünsche mehr oder weniger zurückstellen. Es galt seinerzeit politisch zur neuen Stadt Rahden zusammenzuwachsen und gemeinsam die vordringlichen gesamtstädtischen Aufgaben zu erfüllen (z.B. Bau des Schul- und Sportzentrums, Erschließung von Gewerbe- und Wohnbauflächen, Ausbau der Kanalisation). Aus all diesen Gründen beschränkten sich die öffentlichen Investitionen innerhalb der Ortschaft Sielhorst in den Jahren nach 1973 auf den weiteren Ausbau der Wasserversorgung, einzelne Straßenausbaumaßnahmen nach Abschluß der Flurbereinigung und die Erweiterung der Kanalisation. Allerdings ist durch die zahlreichen im Zuge des Flurbereinigungsverfahrens ausgebauten Gemeindewege auch in Sielhorst ein beachtliches Wegenetz durch die Stadt Rahden zu unterhalten.
Entschieden haben sich die Sielhorster Kommunalpolitiker immer für den Erhalt der ehemaligen Schule als öffentliches Gebäude eingesetzt. Mit dem Schulgrundstück und dem Schulgebäude hat die Ortschaft Sielhorst ihren Ortsmittelpunkt behalten und ein Zentrum für die Vereinsarbeit gewonnen. Hier ist besonders der Schützenverein zu nennen, der bereits im Jahre 1984 für den Schießsport die ehemalige Schule und das Schulgrundstück nutzen konnte. In den Jahren 1984/1985 baute der Schützenverein mit finanzieller Unterstützung der Stadt Rahden bzw. der Stadtsparkasse im Schulkeller und Schulhofgelände einen Kleinkaliberschießstand mit zwei Röhren-Bahnen. In den Jahren 1993/1994 wurden die Schießanlagen durch einen Luftgewehrstand im Obergeschoß der ehemaligen Schule komplettiert.
Mit Beginn des Jahres 1992 verlor Sielhorst eine private Einrichtung, die für das öffentliche Leben sehr viel bedeutete: den einzigen Festsaal im Ort. Die Familie Mönkedieck hatte sich entschlossen, den traditionsreichen Saalbetrieb einzustellen. Dies war ein herber Einschnitt für die Sielhorster Bürger, die hier nicht mehr ihre Familienfeste feiern konnten, und gleichermaßen für die Sielhorster Vereine, die jetzt anderweitig nach Räumlichkeiten für ihre jährlichen Vereinsfeste suchen mußten. Ein Glücksfall war es, daß die ehemalige Schule noch als öffentliches Gebäude vorhanden war.
Aufgrund der Schließung des Saales Mönkedieck wurde von der Sielhorster Dorfgemeinschaft unter Federführung des Schützenvereins der Entschluß gefaßt, in der ehemaligen Schule einen Dorfgemeinschaftsraum auszubauen. Nur so bestand weiterhin die Möglichkeit, daß die Sielhorster ihre Vereins- und Familienfeste im Ort feiern konnten sowie auch für andere Anlässe eine Versammlungsstätte hatten. Der Rat der Stadt Rahden stimmte einer Nutzung der ehemaligen Klassenräume und Flure als Dorfgemeinschaftsraum zu. In einer vorbildlichen Gemeinschaftsleistung der Sielhorster Bevölkerung wurde 1991/1992 im Erdgeschoß des Schulgebäudes der neue Dorfgemeinschaftsraum geschaffen. Die Stadt Rahden stellte für diese Maßnahme Haushaltsmittel in Höhe von 85.000 DM zur Verfügung. Ferner wurden neben der aktiven Hilfe der Sielhorster 25.000 DM an Spenden über die Vereine beigesteuert. Die Koordination der Um- und Ausbauarbeiten lag in den Händen des Ratsmitgliedes Willi Kopmann. Bereits am 12.4.1992 konnte der Dorfgemeinschaftsraum (mit Küche) in einer großen Einweihungsfeier seiner Bestimmung übergeben werden. Die Sielhorster erhielten vielfach Lob und Anerkennung - so auch von Bürgermeister Möhring - für ihre gut gelungene Gemeinschaftsarbeit.
Ein anderes Vorhaben kann in Sielhorst leider nicht so schnell verwirklicht werden wie der Dorfgemeinschaftsraum: Der Radweg an der Landstraße 765 (Lemförder Straße). Ein Radweg war an dieser Straße bereits bei der Flächenausweisung im Flurbereinigungverfahren angedacht worden; jedoch reichte die ausgesparte Grundstücksfläche nicht für den Ausbau eines sicheren Radweges nach heutigen Maßstäben. Gründe für den sich immer wieder hinauszögernden Bau des Radweges waren die zunehmend schwieriger werdende Finanzsituation des Landes und anderweitig gesetzte Prioritäten für den Ausbau von Radwegen. In den Jahren 1997/1998 wurde schließlich das erste Stück des Radweges vom Ortsteil Kolkhorst bis zur Kreuzung der Wagenfelder Straße ausgebaut. Mit der hierzu erforderlichen Verbreiterung der Brücke der Landstraße 765 über den Großen Dieckfluß war dieses Teilstück des Radweges bereits eine aufwendige Maßnahme. Nach diesem ersten Schritt wird hoffentlich bald auch der Rest des Radweges bis zur Bundesstraße 239 ausgebaut. Das jetzt vorhandene Stück trägt bereits erheblich zur Schulwegsicherung für die Schüler aus dem Ortsteil Kolkhorst bei.
Auch innerhalb der Stadt Rahden sollen die Ortschaften in ihrer Eigenentwicklung gefördert werden. Zur Entwicklung in Sielhorst gehört die bauliche Herausbildung des Ortskerns. Den Anfang hierzu bildete die Siedlung "Im Springel" in den 60er und 70er Jahren. Ein weiteres Baugebiet im Ortskem ist seit Mitte der 90er Jahre um die ehemalige Gaststätte und Bäckerei Wagenfeld entstanden. Im Jahre 1998 ist schließlich noch unmittelbar nördlich des Schulgrundstücks weiteres Bauland ausgewiesen worden. Nach Bebauung der jetzt festgesetzten Bauflächen wird auch die Ortschaft Sielhorst einen ziemlich geschlossenen Ortskern aufweisen.
Neben der modernen Wohnbebauung sollte der Sielhorster Ortskern aber auch in landschaftlichem und historischem Bezug ein prägendes Bild erhalten. Dieses Ziel verfolgt seit einigen Jahren der noch junge Heimatverein Sielhorst. Mit der Durchforstung und Neugestaltung des ehemaligen Schulgartens wurde in den letzten Jahren der erste Schritt hierzu getan. Neben dem hier bereits geschaffenen Grillplatz sind für die nächsten Jahre noch einige historische Objekte geplant (Remise, Backs, Glockenturm)


Schulgarten vor der Verkopplung

Auch nach der Herausbildung des Ortskerns behält Sielhorst den landwirtschaftlich geprägten Streusiedlungscharakter. In großen Bereichen findet man eine liebevolle Parklandschaft. Diese gilt es neben dem Strukturwandel in der Landwirtschaft zu erhalten. Das gut ausgebaute Wegenetz dient außer der Erschließung der Grundstücke auch dem Freizeit- und Erholungsbereich (z.B. Radwandern). Zur Landschaft gehören auch die ortsbildprägenden Gebäude, die es zu erhalten gilt, und für die sich künftig teilweise eine außerlandwirtschaftliche Nutzung ergeben wird.


Luftaufnahme von der Schulumgebung (Ortskern)

Die zukünftige Entwicklung der Ortschaft Sielhorst wird in großem Maße von Ideen und Aktivitäten aus der Sielhorster Bevölkerung getragen werden. Viele öffentliche Aufgaben, insbesondere die zur Verschönerung des Orts- und Landschaftsbildes, können nur in freiwilliger bzw. ehrenamtlicher Arbeit erfüllt werden. Tragende Säule hierbei sind die Vereine. Die Stadt Rahden sollte deren Arbeit auch in Zukunft unterstützen. Im übrigen bleibt zu wünschen, daß die öffentliche Hand immer gute Rahmenbedingungen für unsere örtliche Lebenswelt vorhält und insbesondere die geschaffene Infrastruktur - hier insbesondere das Straßennetz - erhält.
Mit einer intakten Dorfgemeinschaft und bei guten Rahmenbedingungen wird unsere Ortschaft auch weiterhin liebens- und lebenswert bleiben.


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