Die Auswanderer

Die bedrückenden wirtschaftlichen Verhältnisse, wie schon in den Gründen für die Hollandgängerei beschrieben, waren auch der Grund für die hohen Auswandererzahlen aus dem damaligen Kreis Lübbecke.
Für die jüngeren, tatkräftigeren Männer, die genügend Geld für die Überfahrt und eine kleine Rücklage hatten, lag es greifbar nahe, die Auswanderung zu wagen.
Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1914 sind aus ganz Deutschland in einem gewaltigen Auswanderungsstrom mehr als 5,5 Millionen Menschen ins Ausland abgewandert.
Die genauen Zahlen der Auswanderer sind sicherlich viel höher, denn eine exakte Erfassung kann wegen der vielen illegalen Auswanderungen nicht ermittelt werden.
Einige Menschen wanderten ins angrenzende Ausland aus, wie etwa nach Bremen oder Oldenburg, die zum Königreich Hannover gehörten. Andere gingen nach Holland oder Schweden.
Mit Familien oder als Einzelgänger versuchten Zehntausende ihr Glück in Nordamerika. An der Gesamteinwanderung dort waren deutsche Einwanderer zu 25 % in der Mitte des 19. Jahrhunderts beteiligt.
Es gab verschiedene Möglichkeiten, das Land zu verlassen.

Die Auswanderung "mit Konsens"
Der Auswanderungswillige richtete ein Auswanderungsgesuch an die Amtsbehörde. Diese überprüfte bei den jungen Männern die Ableistung des Militärdienstes. Der Ortsvorsteher stellte fest, ob finanzielle oder familiäre Verpflichtungen vorlagen. Nach einer Belehrung über den Verlust der Staatsangehörigkeit erhielt der Antragsteller dann die Entlassungsurkunde.

Die Auswanderung "mit Reisepaß"
Der Auswanderer beantragte einen Reisepaß, fuhr ins Ausland und entschied sich dort, ob man dort blieb oder in die Heimat zurückkehrte.

Die Auswanderung "ohne Konsens"
Hierbei handelte es sich um ein unerlaubtes Verlassen des Landes. Viele junge Männer wollten sich dem Militärdienst entziehen und verließen die Heimat im wehrdienstfähigen Alter zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr. Aber auch viele Frauen und Familienangehörige reisten ohne Konsens. Sie wußten wahrscheinlich nicht, daß alle, die ausreisen wollten, eine Erlaubnis brauchten.

Wie eine Statistik über den Bevölkerungsverlust der Provinz Westfalen aus dem Jahre 1882 zeigt, wurden im Jahre 1881 in den nachstehend aufgeführten fünf Kreisen folgende Auswanderungszahlen festgestellt:
 

Kreis Einwohner Auswanderer Prozent
    mit Konsens ohne Konsens  
Lübbecke 47.928 718 274 2,07
Tecklenburg 47.208 238 139 0,80
Minden 78.032 413 189 0,77
Herford 76.427 297 261 0,73
Lippstadt 37.199 88 68 0,42

Aus dieser Tabelle kann man ersehen, daß die Auswandererzahlen aus dem Kreis Lübbecke am höchsten waren.

Die Auswanderer aus Minden-Ravensberg wandten sich über Minden nach Bremen, dem damals größten Auswandererhafen.
Bemühten sich anfangs die Auswanderer noch direkt bei den Kapitänen und Reedern um eine Überfahrt, erledigten bald Makler und Schiffsexpedienten deren Angelegenheiten. Es entwickelte sich ein richtiges Gewerbe mit der Auswanderung.
In den Gemeinden entstanden "Auswanderungsagenturen" mit "Auswanderungsagenten", die sich um die Formalitäten kümmerten. Diese Agenten betrieben intensive Werbung und standen in großer Konkurrenz zueinander. Der Agent erhielt für jeden Auswanderer von den Schiffsexpedienten eine Provision und vom Auswanderer ein Handgeld.

Folgende Agenten waren im Rahdener Raum tätig:
Kolkhorst aus Rahden, Langhorst aus Lavelsloh, Käsemeier aus Hannover-Ströhen, Pohlmann aus Wagenfeld, Vorwerk aus Uchte und Tacke aus Wehe.
In diesem "Gewerbe" nahm man es mit den Formalitäten nicht immer so genau. Normalerweise brauchte jeder Auswanderer eine Auswanderungserlaubnis, einen "Konsens". Wer "ohne Konsens" ausreiste, mußte mit einer Geldstrafe rechnen, was diesen in Amerika aber nicht weiter interessierte. Der Agent Tacke aus Wehe z. B. hat viele Auswanderer ohne Konsens vermittelt.
Von Bremerhaven fuhren um 1850 die Segelschiffe regelmäßig an jedem 1. und 15. eines Monats von März bis zum Herbst nach Nordamerika. Im Jahre 1850 wurden - einschließlich der bis dahin seltenen Dampfschiffe - insgesamt 170 Schiffe mit 25 000 Personen abgefertigt, 1854 waren es sogar 362 Schiffe mit über 75 000 Personen. Mehr als die Hälfte der Schiffe steuerte den Hafen von New York an, dann folgte Baltimore. Für die Segelschiffe mußte durchschnittlich eine Fahrzeit von 45-50 Tagen angesetzt werden. Die Fahrpreise schwankten für Erwachsene zwischen 35 und 50 Talern, für Kinder wurde etwa 2/3 des Preises verlangt.
Viele Menschen erkrankten bei der Überfahrt oder reisten schon krank aus dem Land aus. Die meisten Auswanderer mußten unter primitiven Verhältnissen im Zwischendeck unterkommen, wo sie zweimal pro Woche Lebensmittel erhielten, die sie selbst zu den Mahlzeiten zubereiteten. So starben auf den Schiffen viele Menschen. Die Reedereien rechneten auf der Überfahrt mit einer Mortalität bis 3 % der Fahrgäste.
Wenn auch für viele die neue Heimat nicht das "gelobte Land" wurde, so mag es den meisten Auswanderern dort besser ergangen sein als in der alten. Nur wenige kehrten zurück. Einige, die zu Besuch in der alten Heimat waren, erzählten ihren Familien, Freunden und Verwandten von der neuen Heimat und warben so wieder neue Auswanderer an.
Beim Lesen dieser Zeilen kann der Eindruck gewonnen werden, daß es sich bei den Auswanderern um Abenteurer oder Glücksritter handelte. Auch die gab es sicherlich darunter. Aber viele waren findige Handwerker und clevere Geschäftsleute, die für Deutschland einen nicht wieder gutzumachenden Aderlaß darstellten.

Auch aus Sielhorst sind einige Auswanderer bekannt, die an dieser Stelle einmal erwähnt werden sollten. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
So sind vom Hof Lampe, Sielhorst ( heute Beckmann, Langendamm ), Christian Wilhelm Lampe 1853 und Friedrich Wilhelm Lampe 1881 nach Nordamerika ausgewandert. Christine Wilhelmine Lampe, verheiratete Schwarze, wanderte illegal aus, desgleichen Dorothee Lampe; sie wurde in Südamerika für verschollen gehalten).

Farm der Lampes in Amerika
Farm der Lampes in Amerika

Vom ehemaligen Hof Lücking, später Spreen 43, sind kurz nach 1800 sechs Personen ausgewandert. Lange Zeit war der Verbleib unbekannt, bis nach dem 2. Weltkrieg ein Brief von den Nachkommen - der nach Aussage von August Spreen allerdings an eine andere Familie Lücking zugestellt wurde und nach Amerika als Irrläufer zurückgeschickt wurde - so daß keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme mehr möglich war.
Fritz Rümke, von der Stätte ehemalig Sielhorst 110, heute Meier, weilte vor einigen Jahren zu Besuch in Deutschland und erzählte Einzelheiten über seine Auswanderung: Er ging zu Fuß nach Bremerhaven. Da er über keine ausreichenden Barmittel verfügte, hat er sich die Überfahrt mit Kohlenschaufeln verdient. Eine erste Anlaufstation waren Bekannte, die ihm einige Jobs besorgten. Später verdiente er sich Geld mit Musik.
1926 wanderte Wilhelm Spreen nach Amerika aus. Er schlug sich als Tellerwäscher und Brauereiarbeiter durch und übernahm später das Teegeschäft seines Onkels. 1936 stattete er seiner alten Heimat noch einmal einen Besuch ab.
Vor einigen Jahren besuchten Mitglieder einer Familie Mönkedieck aus USA Deutschland und nahmen hier Kontakt zu Verwandten ihrer Vorfahren auf.
Christian Friedrich Kolkhorst und sein Bruder Christian Heinrich vom Hof Sielhorst 16 wanderten 1886 in die Vereinigten Staaten aus. Während Christian St. Louis zu seiner Heimat machte, ließ sich Heinrich als Farmer in Texas nieder. Es existiert ein reger Schriftverkehr mit den Verwandten. (vgl. Heinz-Ulrich Kammeier - Auswanderer berichten aus Amerika).

Von einer Auswandererfamilie, der Familie Blanke, Sielhorst 52, die 1842 nach Amerika auswanderte, weiß man, daß drei Söhne, die Geschwister Cyrus F. (1861-1942), Richard H. (1868-1939) und Fred C. (1870-1935), man sprach den Namen dort Blänki aus - Mitinhaber einer Fabrik waren, die sich mit dem Import und der Verarbeitung von Tee, Kaffee und Gewürzen befaßte. Der Junglehrer Wilhelm Steinkamp, Varl Nr. 14, der zu Beginn der 20er Jahre für einige Jahre zu seinen Verwandten Blanke nach Amerika in St. Louis reiste, (zuhause konnte er beruflich noch nicht in Dienst gestellt werden) überbrückte seine Zeit mit der Mithilfe in der Firma. Er berichtete aus der damaligen Zeit unter anderem, daß von dieser Firma der "Instant Coffee" ( löslicher Kaffee ) entwickelt wurde.

Firmenlogo der Blankes
Firmenlogo der Blankes

Insbesondere für das amerikanische Militär im 1. Weltkrieg war dieser eine willkommene Möglichkeit einfacher Kaffeezubereitung. Heutzutage ist solch ein Kaffee unter dem Markennamen "Nescafé" des Schweizer Konzerns Nestle weltweit bekannt. Vermutlich besteht die Firma Blanke seit den 40er Jahren nicht mehr. Aufgrund des immer preisgünstiger werdenden Bohnenkaffees konnte sich der Betrieb wohl nicht mehr am Markt halten.
Es bildeten sich in Amerika regelrechte deutsche Kolonien. Dörfer, ja Städte entstanden dort. Sie heißen noch heute Neu-Gehlenbeck, Neu-Wehdem usw. und erinnern somit an die Herkunft der ersten Auswanderer.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging die Auswanderung hier durch den Aufschwung der Zigarrenindustrie im Kreis Lübbecke stark zurück.


Historik Hollandgänger
Seitenanfang
Überschwemmungen
zurück weiter
Sielhorster Erinnerungen