Die Hundertjahrfeier im Jahr 1949

"Es ist das dritte Mal in meinem Leben - nach der Einweihung des Ehrenmals 1921 und der Fahnenweihe des Schützenvereins im Jahr 1931 - daß Sielhorst so viele Leute gesehen hat." So beschrieb vor 50 Jahren wörtlich ein ortsansässiger Bürger seine persönlichen Eindrücke vom Festwochenende anläßlich des 100-jährigen Bestehens der selbständigen Gemeinde Sielhorst nach ihrer Trennung von Varl.
Und in der Tat versammelten sich an diesen denkwürdigen Tagen des 7. und 8. Mai 1949 außer der gesamten Dorfbevölkerung , viele Verwandte und interessierte Gäste aus nah und fern in Sielhorst, um dabei zu sein und das Jubiläum mitzufeiern.
Wochenlang hatten die Sielhorster ihre Schuppen, Keller, Dachböden und Truhen durchstöbert, um altes bäuerliches Gerät, Trachten sowie Brauchtumsgegenstände für den großen Festumzug hervorzuholen, herauszuputzen und bereitzustellen.
Der Umzug setzte sich dann am 7. Mai vom Schulhof aus in Bewegung. Zwölf Festwagen und einzelne Fußgruppen zeigten den vielen Schaulustigen einen bunten und beachtenswerten Querschnitt aus dem bäuerlichen Leben des vergangenen Jahrhunderts und Szenen, die an das dörfliche Brauch- und Volkstum erinnerten.
Natürlich dürfte an der Spitze des Zuges die bewährte Sielhorster Dorfkapelle Haßfeld nicht fehlen, um die Akteure und die vielen Zaungäste musikalisch zu unterhalten.
Auf einem Kutschwagen saßen die damals beiden ältesten Bürger des Ortes, Christian Drunagel von der Stätte 118, der in jüngeren Jahren so manchen Gebrauchsgegenstand geschnitzt hatte und neben ihm Heinrich Hadeler, vormals b. 21.

Christian Drunagel und Heinrich Hadeler
Christian Drunagel und Heinrich Hadeler
Die legendäre Sielhorster Kapelle Haßfeld
Die legendäre Sielhorster Kapelle Haßfeld

Das Wetter meinte es anfangs gut und so konnten die Zuschauer die originellen Festwagen und ihre "Besatzungen" bewundern.
Der Braut- und Hochzeitswagen, angeführt von den Hochzeitsreitern mit blumenbekränzten Pferden weckte sogleich aller Aufmerksamkeit, ebenso die Darstellung einer Schlafkammer mit Truhe und Bett und dazu die singenden Begleiterinnen in alter Tracht - ein fürwahr prächtiges Bild !

Der Braut- und Hochzeitswagen
Der Braut- und Hochzeitswagen

Auf dem Schulwagen ( Foto links unten ) zeigten sich Schülerinnen und Schüler einer Klasse, wie sie früher ausgesehen haben könnte, in zeitgemäßer Kleidung mit ihrem Lehrer, der sich, wie es vor hundert und mehr Jahren üblich war, ob seines kargen Lohnes ein Zubrot verdiente, indem er zum Beispiel nebenbei Holzschuhe anfertigte. Andere Festwagen boten einen Einblick in die Ausstattung der Bauernhäuser mit allerlei Hausrat und dem im Nebenerwerb geschnitzten "Hölten Tüges" (Löffel, Mollen ...) und die aufgestellten Spinnräder und Webstühle (rechtes Foto) erinnerten an Zeiten, in denen, vor allem im Winter, als zusätzliche Einnahmequelle in sehr vielen Häusern gesponnen und gewebt wurde, denn die Landwirtschaft allein konnte, besonders in Notzeiten, nicht immer alle ernähren.

Der Schulwagen
Der Schulwagen
Spinnen und Weben
Spinnen und Weben

Ausschnitte aus der bäuerlichen Arbeit ließen ahnen, wie mühevoll sich unsere Vorfahren ihre Existenz aufbauen und sichern mußten. So dürfte es heute wohl kaum noch bekannt sein, daß die Butterherstellung im Butterfaß durch ununterbrochenes Stampfen über eine Stunde in Anspruch nahm.
Das linke untere Foto zeigt die Drescher bei ihrer sehr "taktvollen" Arbeit. In der Regel schlugen bis zu sechs Männer mit ihren Flegeln auf die am Deelenboden liegenden Garben, ein für damalige Ohren sehr vertrauter Rhythmus und Klang. Übrigens tauchten die ersten relativ einfachen und durch Göpel angetriebenen Dreschmaschinen etwa um 1885 in Sielhorst auf. Zum letzten Mal, so wird erzählt, wurde noch auf einem einzigen Sielhorster Hof um die Jahrhundertwende mit Dreschflegeln gedroschen.

Dreschen mit Dreschflegeln
Dreschen mit Dreschflegeln
Das gute alte Butterfaß
Das gute alte Butterfaß

Der Festwagen mit der "Deelsagen" (Dielensäge) verdeutlichte, wie in früheren Jahren auf einem Gerüst Bauholz und Bretter durch Handarbeit geschnitten wurden.

Arbeit mit der
Arbeit mit der "Deelsagen"

Der Kiepenkerl, der mit seiner mit "Hölten Tüges" und anderen bäuerlichen Erzeugnissen gefüllten Kiepe die Waren bis zu einem Umkreis von 30 - 40 km an die Kunden brachte, durfte ebensowenig im Umzug fehlen wie die Hollandgänger, die als sogenannte "Gastarbeiter" für mehrere Wochen nach Holland zum Grasmähen gingen, um sich einen zusätzlichen Verdienst zu verschaffen.
Die alte Sielhorster Handdruckspritze, die sich heute als Leihgabe im Feuerwehrmuseum von Schröttinghausen befindet, interessierte die Zuschauer am Straßenrand ebenso wie das von der einheimischen Löschgruppe mitgeführte moderne Gerät.

Kiepenkerl und Hollandgänger
Kiepenkerl und Hollandgänger
Die alte Sielhorster Handdruckspritze
Die alte Sielhorster Handdruckspritze

Inzwischen traf der Umzug auf der Festwiese, gegenüber der Gaststätte Mönkedieck, ein. Der amtierende Sielhorster Bürgermeister, Krämer, begrüßte zahlreiche Ehrengäste aus Politik und Verwaltung, an ihrer Spitze den damaligen Regierungspräsidenten Drake. Dieser ließ es sich dann auch nicht nehmen, in seinem Grußwort sich sehr lobend über den Sielhorster Gemeinschaftsgeist und die damit verbundene Brauchtumspflege zu äußern.
Der ehemalige Gemeindebürgermeister, Wilhelm Rehling, hielt die plattdeutsche Festansprache und erinnerte an die Entwicklung der Gemeinde. Der gebürtige Sielhorster, Dr. Grote, Lehrer, Wissenschaftler und späterer Ehrenbürger unserer Ortschaft, hielt eine viel beachtete Rede und erinnerte mit rührenden Worten an den Wert der Heimatverbundenheit.
Nach dem offiziellen Festakt folgte der unterhaltende Teil. Die Sänger des MGV "Frisch auf" und der Schulchor erfreuten die vielen Festbesucher mit Liedvorträgen. Die Kinder vergnügten sich beim Stangenklettern und hätte nicht der plötzlich einsetzende Regen einen Strich durch die Rechnung gemacht, wäre auch noch die Schuljugend mit Tänzen und sportlichen Darbietungen zu ihrem Recht gekommen.

Auf ihre Kosten aber kamen die vielen Gäste beim abschließenden Juxfußballspiel der der "Alten Kanonen Sielhorst", wie ein Beteiligter schmunzelnd ergänzte. Es spielten die Mannschaften "Düsse Siete Tochgraben" gegen "Genne Siete Tochgraben". (Mit "Tochgraben" war der Entwässerungsgraben am Gasthaus Mönkedieck gemeint).

Die Alten Kanonen auf der Festwiese gegenüber Mönkedieck
Die "Alten Kanonen" auf der Festwiese gegenüber Mönkedieck

Ein fröhliches Beisammensein bei Umtrunk und Tanz rundete den ersten ereignisreichen Festtag ab.
Am 8. Mai, dem zweiten Jubiläumstag, wurde der Festumzug wiederholt. Allerdings führte die Route diesmal durch andere Ortsteile Sielhorsts. Da der Wettergott an diesem Sonntag ein Einsehen hatte, konnten die Schüler ihr am Vortag ausgefallenes Programm nachholen.

Volkstanz der Schuljugend
Volkstanz der Schuljugend
Festteilnehmerinnen in Tracht
Festteilnehmerinnen in Tracht

Weil das erwähnte Altherrenfußballspiel derart viel Heiterkeit ausgelöst hatte, mußte es natürlich wiederholt werden.
Am Sonntag, dem 8. Mai 1949, fanden sich wiederum erstaunlich viele Schaulustige in Sielhorst ein , so wie es schon unser anfangs erwähnter Mitbürger eindrucksvoll beschrieben hatte.


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